Auch Hunde haben Angst oder sind aggressiv

Welcher Hundebesitzer kennt nicht die Situation, in der der eigene oder ein fremder Hund einen Artgenossen anbellt, anknurrt und dabei so wild an der Leine zerrt, dass es den Menschen aus dem Gleichgewicht bringt.
Ich denke, jeder von uns ist froh, wenn ihm solche Erlebnisse (zumindest mit dem eigenen Hund) nicht passieren. Nach meiner Erfahrung reagieren die Hundebesitzer auf das aggressive Verhalten ihres Hundes auf ganz unterschiedliche Weise. Entweder kommt dann die Aussage „das hat er ja noch nie gemacht“, manchmal erfolgt eine ganz extreme Entschuldigung bei dem „Opfer“ der Pöbelei und man gewinnt den Eindruck, der Mensch an der Seite dieses Hundes möchte am liebsten im Erdboden versinken.

Aggressiver Hund in Abwehrstellung

Aggressiver Hund in Abwehrstellung

Oft beschließen die Besitzer solcher „Raufer“, zukünftig Hundebegegnungen lieber zu vermeiden und wählen Ort und Uhrzeit der Spaziergänge nach möglichst geringer „Hundedichte“. Dies mag die Anzahl der Auseinander- setzungen reduzieren, das grundsätzliche Problem wird durch Vermeiden meistens nicht gelöst – es kann sich sogar noch verstärken.
Grundsätzlich muss gesagt werden, dass aggressives Verhalten bei Hunden zunächst einmal zum Normalverhalten gehört! Wie alle in sozialen Gruppen lebenden Säugetiere ist auch bei Hunden aggressives Verhalten genetisch bedingt und auch notwendig, um sich in der Gruppe durchzusetzen, sein Futter, seinen Schlafplatz und seine Nachkommen zu verteidigen und auch um eine gewisse Rangordnung zu etablieren. Aggression bedeutet nicht, ich verletze meinen Gegner möglichst oder am besten töte ich ihn gleich. Ein Knurren, ein Hochziehen der Lefzen oder auch entsprechendes Bellen dient im Normalfall dazu, ein anderes Lebewesen auf Distanz zu halten – nach dem Motto „komm nicht näher, du unterschreitest meine Individualdistanz“. Für diese Forderung kann es gute Gründe geben, weil der Hund eben z.B. sich oder seine Welpen schützen möchte. Wir als Menschen an der Seite unseres Hundes sind dann gefordert, dem Hund beizubringen, mit seinen Aggressionen angemessen umzugehen
– am besten schon im Welpenalter, wenn wir diese Möglichkeit haben. Wir haben die Verantwortung für den Hund an unserer Seite (und natürlich auch für das Wohl anderer Menschen und Tiere, denen wir mit unserem Hund begegnen). Wir sollten unserem Hund beibringen, dass er nicht die Entscheidung darüber fällen darf, ob ein Hund oder Mensch angepöbelt oder anderweitig bedrängt wird. Es gibt viele Gründe, warum ein Hund in bestimmten Situationen aggressiv reagiert. Oft ist auch eine Unsicherheit der Grund – „Angriff ist die beste Verteidigung“. Wir sollten unseren Hund lesen lernen, um seine Motivation zu verstehen. Dann können wir ihm helfen, indem wir ihm alternatives Verhalten beibringen und so für alle Seiten ein entspannteres Leben ermöglichen.
Auch ängstliche Hunde stellen ihre Besitzer manchmal vor schwierige Aufgaben. Ein Hund, der vor Geräuschen Angst hat, verkriecht sich bei jedem Knall in die hinterste Ecke des Hauses oder rennt kopflos davon, wenn während des Spaziergangs ein unerwartetes Geräusch auftritt. Im ersten Fall haben wir mit Sicherheit Mitleid mit diesem offensichtlich verzweifelten Wesen, im zweiten Fall kann sich der Hund durch seine kopflose Flucht auch noch in wirkliche Gefahr bringen. Manche Hunde zeigen auch bei der Begegnung mit Artgenossen großes Unbehagen oder jegliche ungewöhnliche Gegenstände am Wegesrand führen zu panischem Verhalten.
Auch in diesen Fällen sind wir als Hundebesitzer gefordert. Die angstauslösenden Reize komplett zu vermeiden, ist in vielen Fällen nicht möglich und auch nicht sinnvoll. Ein Hund wird sich allerdings nicht freiwillig seinen Ängsten stellen – diese Chance hat nur der Mensch im Rahmen einer guten Therapie. Wir müssen versuchen, unserem unsicheren Hund in allen (auch normalen) Lebenslagen ein souveräner „Fels in der Brandung“ zu sein und ihn – in gemäßigter Intensität natürlich – durch angsteinflößende Situationen zu führen. Eine „Hauruck- Methode“ (da musst Du jetzt durch) ist aus meiner Sicht nicht zu empfehlen, solche Situationen sollten langsam und mit Unterstützung eines guten Trainers geübt und in ihrer Intensität gesteigert werden. In vielen Fällen macht es auch Sinn, das allgemeine Selbstbewusstsein des Hundes durch andere Aktivitäten zu stärken – oft hilft im dies insgesamt, besser durchs Leben zu kommen.
In diesem Sinne wünsche ich alle Mensch-Hunde-Teams eine entspannte und wunderschöne gemeinsame Zeit!
Susanne Gerlach mit Emma & Lucy